Die Lana Frieda - Biografie des Bauernmädchens aus Osttirol. Buchcover vorne

Gewiss ist es fast noch wichtiger,
wie der Mensch sein Schicksal nimmt,
als wie sein Schicksal ist.

Alexander von Humboldt

 

Das ist eine Leseprobe zum biografischen Roman „Die Lana Frieda„:

ISBN 978-3-6957-4840-2
Books on Demand, 2019
170 Seiten

Die Lana Frieda – biografischer Roman:

 


Freitag

Kennen Sie das Ischl-Virus? Es ist hartnäckig. Und auch wenn es nicht krank macht, so ist es doch unheilbar! Fast jeder, der nach Bad Ischl kommt, wird von dem Virus befallen. Es äußert sich in einer heftigen Sehnsucht nach dieser bezaubernden Stadt und einem brennenden Verlangen, zurückzukehren, das nie aufhört, ganz egal, wie weit man fort ist oder wie lange. Daher muss jeder, der von diesem Virus befallen wird, immer wiederkommen oder ganz bleiben!
Ob dieses Virus auch Frieda befällt?

Den größten Verlust erlebte ich wohl im Alter von zweieinhalb Jahren.
Am 14.4.1916 wurde ich in Lienz in Osttirol geboren und war wohlbehütet von meiner lieben Mutter und meinen drei Geschwistern: zwei Brüder, Hans und Karl, und Schwester Josefa. Der Vater meiner Geschwister war schon einige Jahre tot. Meine Mutter lernte wieder einen Mann kennen und so kam ich dann als außereheliches Kind zur Welt.
Mein Vater musste in den Krieg, noch bevor sie heiraten konnten. So musste sich meine Mutter mit vier Kindern allein fortbringen. Sie war tüchtig und fleißig und es fehlte uns an nichts. Diese für uns schönste Zeit sollte aber nicht allzu lange dauern. Im Jahre 1918, im Herbst, verloren wir unsere Mutter durch eine böse Grippe. Da die Mutter die Witwe eines Gerichtsoffizianten war, wurde vom Gericht eine Pflegefrau für uns Kinder bestellt. Allerdings nur für kurze Zeit, dann wurden wir gtrennt. Meine Geschwister kamen in das Mölltal zu je einem Bauern. Ich hatte das Glück, zu meiner Tante Anna zu kommen. Ich hatte im wahrsten Sinn wieder eine Mutter.
Tante Anna war Schneiderin und wohnte in Dölsach. Es war das ein langes Gebäude, ein Wohnhaus mit angeschlossenem Stallgebäude. Im ersten Stock war ein langer Balkon, und am Ende war eine Stiege hinunter zu den Ställen.
Die oberste Stufe war mein Lieblingsplatz. Von da konnte ich den Hühnern und Gänsen zusehen. Öfter bekam ich von meiner Tante auch Futter, um es den Hühnern hinunterzuwerfen.
Dabei geschah es einmal, dass ich mich zu weit nach vorn beugte und ich fiel hinunter auf das Steinpflaster. Ich hatte wohl einen großen Schutzengel und so konnte ich allein, aber mit lautem Geschrei wieder die hohe Stiege hinaufgehen. Das war der erste Sturz, aber es sollten in meinem Leben noch mehrere folgen.
Ein Jahr später, im Winter, war ich mit meiner Cousine zum Rodeln gegangen. Da passierte es, dass mich eine mit zwei Personen besetzte Rodel überfahren hat. Auch diesmal ist scheinbar nichts Ernstliches passiert. Eventuelle Folgen sollten sich erst im späten Alter bemerkbar machen.
Zu dieser Zeit, 1920 bis 1921, lernte ich auch meinen Vater kennen. Leider kümmerte er sich überhaupt nicht um mich. Das verstand ich mit meinen fünf Jahren natürlich nicht. Es fehlte mir bei meiner lieben Tante ja an nichts, aber wenn ich meinen Vater irgendwo erblickte, so lief ich gleich mit Freuden zu ihm. Er war noch ledig und wohnte auch noch bei seinen Eltern. Das war in unserer nächsten Umgebung.
An einem Sonntag traf ich den Vater im Nachbarsgarten, mit einer Frau auf der Bank sitzend. Ich lief vor Freude gleich hin, stieg auf die Bank hinter den Rücken meines Vaters und umarmte ihn.
Diese Frau (meine spätere Stiefmutter) gab mir einen Stoß und sagte: »Geh weg, das ist mein Hansl.«
Ob und wie mein Vater darauf reagiert hat, weiß ich heute nicht mehr. Es sollte mir von dieser Frau noch viel Leid widerfahren.
Jedenfalls hasste ich diese Frau, wie halt ein fünfjähriges Kind hassen kann.


Samstag

In der Pfarrgasse bleibt Frieda vor der Konditorei Zauner stehen, dem ehemaligen k. u. k. Hofzuckerbäcker, und bewundert die kunstvollen Gebilde aus Zuckerguss, Schokolade und Marzipan in der Auslage.
Nicht nur der berühmte Zauner, sondern die ganze Stadt spiegelt die Vergangenheit als Sommerfrischeort für den Kaiser von Österreich und den Hochadel Europas wider.
An vielen Fassaden entdeckt Frieda Verzierungen, Balkönchen und Stuckaturen. Die bunten Häuser erinnern Frieda an die alten Stadtteile Wiens. Im Lauf der Zeit entwickelte sich Bad Ischl zur Heimat vieler Dichter, Maler, Musiker und später von Berühmtheiten aus Politik, Film und Fernsehen. Manche wollten nur für ein paar Tage nach Bad Ischl kommen, blieben aber ihr Leben lang.
Schließlich entdeckt Frieda an einem Postkartenständer vor einer weiteren Trafik Mecki-Postkarten. Sie will dem Neuhofener Großvater unbedingt eine Karte mit den lachenden Igeln schicken, denn er besitzt eine umfangreiche Sammlung dieser Postkarten. Früher hat er sie der kleinen Frieda gerne gezeigt, wobei er zu jeder Karte eine Geschichte wusste. Heute sind Mecki-Postkarten jedoch kaum mehr erhältlich.
Frieda nimmt eine Karte vom Ständer und geht in die Trafik hinein. Ein älterer Herr ist vor ihr an der Reihe.
»Griaß di’, Frau Wimmer«, sagt er, »gib ma bitte zwoa Packerl Marlboro und de Rundschau.«
»Griaß di’, Herr Leitner, wie geht’s denn dem Fuaß? Tuat er no’ weh oder geht’s eh scho’ wieder?«
»Jå, woaßt, Frau Wimmer, ålt sollt’ ma’ hålt net werd’n.«
Frieda hätte beinahe laut gelacht. »Grüß dich, Frau«, »Grüß dich, Herr«? Wie eigenartig ist denn diese Anrede? Das hat sie noch nie gehört!
Sie legt eine Tageszeitung und die Postkarte auf den Ladentisch und fragt nach Informationen zur Umgebung, ob es denn eine Wanderkarte gebe oder ein Büchlein mit Wanderwegen und Ausflugstipps.
Die Trafikantin zeigt ihr eine Auswahl, und Frieda entscheidet sich für ein handliches Taschenbuch, das neben Abbildungen und Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten auch Wanderrouten und Wissenswertes zur Region enthält.
Anschließend spaziert Frieda weiter durch Bad Ischl. Sie bewundert die griechischen Säulen der alten Trinkhalle, sieht am imposanten gelben Postgebäude hoch und fragt sich, in welcher Bauperiode es entstanden ist.
In der nahen Kirche zündet sie eine Kerze für ihre Großmutter an, die sie nur aus Erzählungen ihres Vaters sowie von alten Fotos kennt.
Frieda kommt am Lehár Filmtheater vorbei. Heute dient es als Kino, aber Frieda weiß von ihrer Mutter, dass Johann Nestroy, der einzigartige Dichter, hier aufgetreten ist. Und dass man das Lehár Theater seinerzeit sogar das kleine Burgtheater genannt hat – nach dem weltbekannten Schauspielhaus an der Wiener Ringstraße.
Auch von Alexander Girardi hat Mamtschi erzählt: Dieser berühmte Volksschauspieler des frühen letzten Jahrhunderts hat am Lehár Theater debütiert. Aber den kennt heute wahrscheinlich kaum jemand mehr, vermutet Frieda.
Auf den Straßen herrscht um diese Zeit bereits reges Treiben. Frieda ist verwundert, wie viele Einwohner einander kennen, es ist ein ständiges »Griaß di’!«, »Servas!«, »Guat’n Morgen!« oder »Hallo, wie geht’s?« zu hören.
Die Ischler sind ein freundliches Völkchen, findet Frieda.
Und immer wieder hört sie dieses »Griaß di’, Herr …«, »Griaß di’, Frau …«. Das scheint eine Bad Ischler Eigenheit zu sein.
Frieda gelangt über den Kreuzplatz, wo eine hohe Spieluhr Glücklich ist, wer vergisst spielt, zu einem Park. An dessen Beginn steht inmitten von Bäumen das überlebensgroße Denkmal des Kurarztes Dr. Wirer, des großen Wohltäters von Bad Ischl, der hier die Bäderkuren eingeführt hat.
Ein paar Meter weiter öffnet sich der Park und gibt den Blick auf ein prachtvolles Gebäude frei.
»Kongress- und Theaterhaus«, murmelt Frieda nach einem Blick auf ihren Stadtplan.
Der Weg dorthin führt an üppig bepflanzten Beeten vorbei. Leuchtende Chrysanthemen wetteifern mit farbenfrohen Blumen, deren Namen Frieda nicht kennt. Dazwischen wechseln sich Gräser in vielerlei Form und Höhe ab.

Sie öffnet die Biografie ihrer Namensschwester und vergisst bald darauf die Welt um sich.

Ich musste am Haus meines Vaters vorbeigehen, es gab keine andere Möglichkeit. Es ergab sich, dass ich zwei Tage hintereinander nachsitzen musste, da wollte ich das zweite Mal nicht zu meinem Vater gehen.
Ich war kaum vorbei, da riss der Vater das Fenster auf und schrie: »Weißt du nicht, was du zu tun hast?« Als ich oben war, sagte er: »Heute hätte ich es dir geschenkt, aber weil du davonlaufen wolltest, bekommst du es doppelt.«
Nun war es so, dass ich viel Zeit verloren habe, und wusste, was mich zu Hause noch erwartet. Man muss sich denken: Gerade wurde ich geschlagen, dass mir noch alles wehtat, und an der Haustüre wartete schon die Bäuerin mit der Rute in der Hand. Die Bäuerin hatte keine Ahnung, dass ich noch immer vom Vater bestraft wurde. Sie war eine große, kräftige Frau und danach waren auch die Hiebe, die sie austeilte. Diesmal verschlug es ihr die Sprache, als sie meinen mit Striemen übersäten Popo zu sehen bekam.
»Sag einmal, wer hat dich so geschlagen?«, fragte sie energisch, und ich erzählte ihr genau, wie es war. War ich überrascht über ihre Reaktion! »So ist das, sonst hat er nichts übrig für dich. Dem werde ich meine Meinung sagen! Von nun an gehst du nicht mehr hinauf, er hat dich uns übergeben und dabei bleibt es.«
Oh, war ich froh! Hätte ich das nur früher gewusst. So ging das schon einen ganzen Winter, ein bis zwei Mal die Woche war ich vom Vater bestraft worden. Wer kann sich jetzt meinen Triumph meiner Kollegin gegenüber vorstellen?
Beim ersten Nachsitzen sagte sie zu mir: »Na, heut werden wir dich wieder jodeln hören.«
Ich drehte mich um und zeigte ihr die Zunge.
»Ha«, sagte sie, »dafür bekommst du noch was drauf.«
Als ich beim Haus meines Vaters vorbeiging, schaute ich mit lachendem Gesicht zum Fenster hinauf. Das Kapitel war für mich zu Ende.
Der Winter ging vorüber und es wurde wieder Frühling. Es dauerte nicht lange und es gab überall Brennnesseln und noch andere Pflanzen. Das war für mich wieder eine schwere Arbeit. Für die Schweine musste ich zwei Mal die Woche einen großen Korb voll einsammeln. Der Korb musste getreten voll sein, sonst wurde der Kessel nicht voll.
Wenn ich so mit dem schweren Korb ganz gebückt durch das Dorf ging, schauten mich die Leute mitleidvoll an.
Manche sagten: »Wie kann man nur zu diesen Schindern ein Kind geben.«

Kurt schwieg ebenso – mit selbstgefälligem, fast hochmütigem Gesichtsausdruck, den Frieda so gut kannte. Er setzte zu einer rüden Antwort an. Aber als er kurz zu ihr sah, entspannte sich seine Miene.
Er sagte stattdessen: »Vielen Dank, Herr Hochhuth, für Ihr freundliches Angebot, wirklich, aber mein Entschluss steht fest. Ich werde weiterstudieren. Vielen Dank, aber ich könnte wahrscheinlich Ihre Erwartungen nicht erfüllen.«
Kurt reichte Friedas Vater die Hand. Er hielt sie so, dass Herr Hochhuth sie von oben ergreifen konnte. Frieda wusste von Kurt, dass man mit einer von oben gereichten Hand Macht und Stärke demonstriert. Dass er Herrn Hochhuth die Gelegenheit dazu bot, war ein Friedensangebot, das der ältere Mann offenbar verstand. Sein Gesicht verlor den missbilligenden Ausdruck, er griff nach Kurts Hand und nickte.
»Verstehe«, murmelte er.
Frieda entspannte sich und atmete gleichzeitig mit ihrer Mutter aus. Sie lächelte Kurt dankbar an, streichelte über seine Wange und sah zu ihrem Vater. Ihr Lächeln verschwand, und ihr Blick wurde kalt.
»Kurt muss seinen eigenen Weg gehen, Papa«, sagte sie knapp.
»Möchte noch jemand ein Stück Torte?« Friedas Mutter versuchte, die Situation zu entspannen.
»Für mich nicht, danke, ich muss jetzt leider gehen. Mein Nachtdienst beginnt gleich.« Kurt stand auf und gab Frieda einen Kuss. »Morgen früh hast du mich wieder.« Er zwinkerte ihr lächelnd zu und verabschiedete sich von Friedas Eltern.
Frieda folgte ihm für einen weiteren Kuss zur Tür und ging schließlich auf ihren Vater zu.
»Wie konntest du Kurt so behandeln, Papa? Du hast gewusst, dass es ihm mit dem Studium ernst ist! Was ist nur in dich gefahren?«
»Ich bin bloß der Meinung, dass der junge Mann zur Abwechslung einmal etwas Richtiges arbeiten soll. Ich wollte ihn dabei unterstützen, mehr nicht.«
»Wie gemein du bist, was fällt dir ein!«
»Frieda, du vergreifst dich im Ton!«
»Hör auf, mich zurechtzuweisen, ich bin kein Kind mehr. Es ist unerhört, wie du dich Kurt gegenüber verhalten hast! Du wolltest ihm helfen? Das glaube ich dir nicht. Du wolltest ihn erniedrigen! Du wolltest ihm zeigen, was du von ihm hältst! Etwas?«, echote Frieda. »Du findest etwas für ihn? Soll er in deiner Firma der Portier oder der Botenjunge sein?« Sie wurde lauter. »Du warst von Anfang an gegen Kurt und gegen alles, was er sagt und tut! Und du konntest dich nie damit abfinden, dass wir so leben, wie wir es für richtig halten!« Sie hatte sich in Rage geredet.
»Mäßige dich, Frieda! Dein Ton und deine Worte gefallen mir nicht!« Herr Hochhuth sprang auf und blitzte sie zornig an.
Frieda hatte ihren Vater noch nie so außer sich erlebt. Aber sie wich seinem Blick nicht aus.
»Philip, Frieda, nehmt euch bitte sofort zurück! Könnt ihr euren Streit nicht respektvoll und in ruhigem Ton austragen?«
Aber weder Frieda noch ihr Vater achteten auf Frau Hochhuth. Also erhob sie sich ebenfalls, blieb neben ihrem Stuhl stehen und legte eine Hand auf die Lehne. Sie sah die beiden abwartend an.

Ende der Leseprobe zum biografischen Roman „Die Lana Frieda

Anregende Lesestunden mit dem Buch wünscht herzlichst
Edith Mair

Die Lana Frieda – biografischer Roman

Der biografische Roman eignet sich übrigens bestens als Geschenk!

 

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