Die Lana Frieda – Leseprobe

Titelbild: Leseprobe 'Die Lana Frieda - biografischer Roman'

Gewiss ist es fast noch wichtiger,
wie der Mensch sein Schicksal nimmt,
als wie sein Schicksal ist.
 
Alexander von Humboldt

 

Das ist eine Leseprobe zum biografischen Roman „Die Lana Frieda“ von Edith Mair:

ISBN 978-3-7386-1112-0
Books on Demand, 2019
236 Seiten

Beachten Sie bitte die Hinweise zum Urheberrecht im Impressum!

Details zum Buch gibt es hier

 

Inhalt

Die Lana Frieda – Leseprobe

Freitag

Samstag

 

Freitag

Kennen Sie das »Ischl-Virus«?
Es ist hartnäckig. Und auch wenn es nicht krank macht, so ist es doch unheilbar.
Fast jeder, der nach Bad Ischl kommt, wird davon befallen und es äußert sich in einer unbändigen Sehnsucht nach dieser bezaubernden Stadt, einem brennenden Verlangen, das nie mehr aufhört, ganz egal, wie weit oder wie lange man von Ischl fort ist.
Daher muss jeder, den dieses Virus befallen hat, immer wiederkommen oder für ganz hierbleiben!
Auch Frieda wird von diesem Virus befallen werden, sie weiß es nur noch nicht. Genauso wenig ahnt sie, dass die nächsten Tage ihrem Leben eine neue Wendung geben werden.

Den größten Verlust erlebte ich wohl im Alter von 2 ½ Jahren. Am 14.4.1916 wurde ich in Lienz in Osttirol geboren und war wohlbehütet von meiner lieben Mutter und meinen drei Geschwistern, zwei Brüdern, Hans und Karl und Schwester Josefa. Der Vater meiner Geschwister war schon einige Jahre tot. Meine Mutter lernte wieder einen Mann kennen und so kam ich als außereheliches Kind zur Welt. Mein Vater mußte in den Krieg, noch bevor sie heiraten konnten. So mußte sich meine Mutter mit vier Kindern allein fortbringen. Sie war tüchtig und fleißig und es fehlte uns an nichts. Diese für uns schönste Zeit sollte nicht allzu lange dauern.
Im Jahre 1918, im Herbst, verloren wir unsere Mutter durch eine böse Grippe. Da die Mutter die Witwe eines Gerichtsoffizianten war, wurde vom Gericht eine Pflegefrau für uns Kinder bestellt. Allerdings nur für kurze Zeit, dann wurden wir getrennt.
Meine Geschwister kamen in das Mölltal zu je einem Bauern. Ich hatte das Glück, zu meiner Tante Anna zu kommen. Ich hatte im wahrsten Sinn wieder eine Mutter.
Tante Anna war Schneiderin und wohnte in Dölsach. Es war das ein langes Gebäude, ein Wohnhaus mit angeschlossenem Stallgebäude. Im ersten Stock war ein langer Balkon und am Ende war eine Stiege hinunter zu den Ställen. Von da konnte ich den Hühnern und Gänsen zusehen. Öfters bekam ich von meiner Tante auch Futter, um es den Hühnern hinunter zu werfen. Dabei geschah es einmal, daß ich mich zu weit nach vorn beugte und ich fiel hinunter auf das Steinpflaster. Ich hatte wohl einen großen Schutzengel und so konnte ich allein, aber mit lautem Geschrei wieder die hohe Stiege hinaufgehen. Das war der erste Sturz, aber es sollten in meinem Leben noch mehrere folgen.
Ein Jahr später im Winter war ich mit meiner Kusine zum Rodeln gegangen. Da passierte es, daß mich eine mit zwei Personen besetzte Rodel überfahren hat. Auch diesmal ist scheinbar nichts Ernstliches passiert. Eventuelle Folgen sollten sich erst im späten Alter bemerkbar machen.
Zu dieser Zeit, 1920 bis 1921 lernte ich auch meinen Vater kennen. Leider kümmerte er sich überhaupt nicht um mich. Das verstand ich mit meinen fünf Jahren natürlich nicht. Es fehlte mir bei meiner lieben Tante ja an nichts, aber wenn ich meinen Vater irgendwo erblickte, so lief ich gleich mit Freuden zu ihm. Er war ja noch ledig und wohnte auch noch bei seinen Eltern. Das war in unserer nächsten Umgebung. An einem Sonntag traf ich den Vater im Nachbarsgarten mit einer Frau auf der Bank sitzend. Ich lief vor Freude gleich hin, stieg auf die Bank hinter den Rücken meines Vaters und umarmte ihn.
Diese Frau (meine spätere Stiefmutter) gab mir einen Stoß und sagte: »Geh weg, das ist mein Hansl.«
Ob und wie mein Vater darauf reagiert hat, weiß ich heute nicht mehr. Es sollte mir von dieser Frau noch viel Leid widerfahren. Jedenfalls haßte ich diese Frau, wie halt ein fünfjähriges Kind hassen kann.

Samstag

In der Pfarrgasse bleibt Frieda vor der Konditorei »Zauner« stehen, dem ehemaligen K & K Hofzuckerbäcker. Nicht nur der »Zauner« spiegelt Bad Ischls berühmte Vergangenheit wider, die Vergangenheit als Sommerfrischeort für den Kaiser von Österreich und den Hochadel ganz Europas, sowie im Lauf der Zeit als vorübergehendes oder ständiges Domizil vieler Dichter, Maler, Musiker und Berühmtheiten aus Politik, Film und Fernsehen.
An vielen Fassaden gibt es Verzierungen, Balkönchen und Stukkaturen zu entdecken, die bunten Häuser erinnern die junge Frau an die alten Stadtteile Wiens.
Schließlich kommt sie an einer weiteren Trafik vorbei. An einem der zahlreichen Postkartenständer entdeckt sie »Mecki«-Postkarten. Unbedingt will sie dem Rieder Großvater eine dieser Karten mit den lachenden Igeln schicken.
Er besitzt eine große Sammlung und hat sie der kleinen Frieda gerne und immer wieder gezeigt, wobei ihm zu jeder Karte eine Geschichte eingefallen ist.
Heute sind diese Postkarten kaum mehr zu bekommen.
Ein älterer Herr ist vor ihr an der Reihe.
»Griaß di’, Frau Wimmer«, sagt er, »gib ma bitte zwoa Packerl Malboro und de Rundschau.«
»Griaß di’, Herr Leitner, wie geht’s denn dem Fuaß? Tuat er no’ weh, oder geht’s scho’ wieder?«
»Jå, woaßt eh, Frau Wimmer, ålt sollt’ ma’ halt net werd’n.«
Frieda hätte beinahe laut aufgelacht. »Grüß dich, Frau«, »Grüß dich, Herr«? Was ist denn das für eine eigenartige Redewendung? Das hat sie bisher noch nie gehört. Frieda legt eine Tageszeitung und die Postkarte auf den Ladentisch.
Sie fragt nach Informationen zur Umgebung, ob es denn eine Wanderkarte gäbe, oder ein Büchlein, das über Wanderwege und lohnende Ziele in der Nähe informiert. Die Trafikantin zeigt ihr eine Auswahl und Frieda entscheidet sich für ein kleines, handliches Taschenbuch, das neben Abbildungen und kurzen Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten auch Wanderrouten und Interessantes zur Region enthält.
Frieda spaziert weiter durch Bad Ischl. Sie kommt vorbei an der alten Trinkhalle mit ihren griechischen Säulen, bleibt vor dem imposanten Postgebäude stehen und fragt sich, welcher Bauperiode es zugehört. Die junge Frau zündet in der nahen Kirche eine Kerze für ihre Großmutter an, die vor ihrer Geburt gestorben ist. Frieda kennt sie nur aus Erzählungen ihres Vaters, sowie von alten Fotos.
Frieda kommt vorbei am »Lehar-Filmtheater«. Es ist mittlerweile zum Kino umfunktioniert, früher war hier tatsächlich Theater gespielt worden. Der einzigartige Johann Nestroy, Lieblingsautor ihrer Mutter, ist hier aufgetreten und Alexander Girardi hat hier debütiert, ein berühmter Volksschauspieler des frühen letzten Jahrhunderts. Das weiß Frieda von Ihrer Mutter und, dass man das Lehar-Theater seinerzeit sogar »das kleine Burgtheater« genannt hatte.
Auf den Straßen herrscht um diese Zeit schon reges Treiben. Frieda ist verwundert, wie viele Einwohner einander kennen, es ist ein ständiges »Griaß di’«, »Servas«, »Guat’n Morgen« oder »Hallo, wie geht’s« zu hören. Die Ischler dürften ein freundliches Völkchen sein, überlegt Frieda. Und immer wieder hört sie dieses »Griaß di’, Herr …«, »Griaß di’, Frau …«. Das scheint eine Bad Ischler Eigenheit zu sein.
Frieda gelangt über den Kreuzplatz, wo eine hohe Spieluhr »Glücklich ist, wer vergisst« spielt, zu einem Park, an dessen Beginn inmitten einiger Bäume das überlebensgroße Denkmal Dr. Wirers steht, des großen Wohltäters von Bad Ischl.
Ein paar Meter weiter öffnet sich der Park und gibt den Blick auf das eindrucksvolle Kongress- und Theaterhaus frei.
Der Weg dorthin führt vorbei an prachtvollen Blumenarrangements. Die Stadtgärtner haben eine Vielzahl an Herbstblumen gesetzt, deren Anblick jeden Besucher mit Freude erfüllen muss. Leuchtende Chrysanthemen wetteifern mit Eriken in mehreren Farben, bunte Blumen, deren Namen Frieda nicht kennt, wechseln sich ab mit Gräsern in vielerlei Form und Höhe.

Sie öffnet die Lebensgeschichte ihrer Namensschwester und vergisst bald darauf die Welt um sich.

Ich mußte am Haus meines Vaters vorbei gehen, es gab keine andere Möglichkeit. Es ergab sich, daß ich zwei Tage hintereinander nachsitzen mußte, da wollte ich das zweite Mal nicht zu meinem Vater gehen. Ich war kaum vorbei, da riß der Vater das Fenster auf und schrie: »Weißt du nicht, was du zu tun hast?«
Als ich oben war, sagte er: »Heute hätte ich es dir geschenkt, weil du davonlaufen wolltest, bekommst du es doppelt.«
Nun war es so, daß ich viel Zeit verloren habe und wußte, was mich zu Hause noch erwartet. Man muß sich denken, gerade wurde ich geschlagen, daß mir noch alles weh tat und bei der Haustüre wartete schon die Bäuerin mit der Rute in der Hand.
Die Bäuerin hatte keine Ahnung, daß ich noch immer vom Vater bestraft wurde. Sie war eine große, kräftige Frau und danach waren auch die Hiebe, die sie austeilte. Diesmal verschlug es ihr die Sprache, als sie meinen mit Striemen übersäten Popo zu sehen bekam.
»Sag einmal, wer hat dich so geschlagen?«, fragte sie energisch, ich erzählte ihr genau, wie es war.
War ich überrascht über ihre Reaktion!
»So ist das, sonst hat er nichts übrig für dich, dem werde ich meine Meinung sagen. Von nun an gehst du nicht mehr hinauf, er hat dich uns übergeben und dabei bleibt es.«
Oh, war ich froh, hätte ich das nur schon früher gewußt. So ging das schon einen ganzen Winter, ein bis zwei Mal die Woche war ich vom Vater bestraft worden. Wer kann sich jetzt meinen Triumph meiner Kollegin gegenüber vorstellen?
Beim ersten Nachsitzen sagte sie zu mir: »Na heut werden wir dich wieder jodeln hören.«
Ich drehte mich um und zeigte ihr die Zunge.
»Ha«, sagte sie, »dafür bekommst du noch was drauf.«
Als ich beim Haus meines Vaters vorbei ging, schaute ich mit lachendem Gesicht zum Fenster hinauf. Das Kapitel war für mich zu Ende.
Der Winter ging vorüber und es wurde wieder Frühling. Es dauerte nicht lange und es gab überall Brennnesseln und noch andere Pflanzen. Das war für mich wieder eine schwere Arbeit. Für die Schweine mußte ich zwei Mal die Woche einen großen Korb voll einsammeln. Der Korb mußte getreten voll sein, sonst wurde der Kessel nicht voll.
Wenn ich so mit dem schweren Korb ganz gebückt durch das Dorf ging, schauten mich die Leute ganz mitleidvoll an.
Manche sagten: »Wie kann man nur zu diesen Schindern ein Kind geben.«

Schließlich gab Kurt nach. Er warf einen kurzen Blick auf Frieda, sah in ihren Augen die Angst vor dem, was kommen könnte und schluckte hinunter, was ihm auf der Zunge lag.
Er sagte stattdessen: »Vielen Dank, Herr Hochhuth, für Ihr freundliches Angebot, wirklich, aber mein Entschluss steht fest, ich werde weiterstudieren. Vielen Dank, ich könnte in Ihrer Firma wahrscheinlich Ihre Erwartungen nicht erfüllen.«
Kurt reichte Friedas Vater seine etwas aufwärts gerichtete Hand. Als Soziologe wusste er, dass eine von oben entgegengestreckte Hand Macht und Stärke demonstrieren soll. Dass Kurt Herrn Hochhuth die Gelegenheit dazu bot, war ein Friedensangebot, das der ältere Mann sehr wohl verstand.
Sein Gesicht verlor den missbilligenden Ausdruck, er nahm die Hand seines Gegenübers an und nickte langsam. Frieda entspannte sich, atmete gleichzeitig mit ihrer Mutter unhörbar aus. Das Mädchen umfasste Kurt liebevoll, als Dankeschön und stumme Zustimmung, sie lächelte ihn an, streichelte mit ihrem Zeigefinger über seine Wange und sah zu ihrem Vater. Ihr Lächeln verschwand, ihr Blick wurde anklagend, kalt.
»Kurt muss seinen eigenen Weg gehen, Papa und er wird den richtigen wählen.«
»Möchte noch jemand ein Stück Torte?«
Friedas Mutter versuchte ebenso, die Situation zu entspannen.
»Für mich nicht, danke, ich muss jetzt leider gehen, mein Nachtdienst beginn in einer Stunde.« Kurt gab Frieda einen Kuss und stand auf. »Morgen früh hast du mich wieder.«
Er verabschiedete sich von Friedas Eltern, blinzelte Frieda lächelnd zu und ging. Das Mädchen folgte ihm für einen weiteren Kuss, schloss die Türe hinter ihm und ging auf ihren Vater zu.
»Wie konntest du das tun, Papa, wie konntest du Kurt so behandeln? Du hast gewusst, dass ihm mit dem Studium ernst ist, was ist in dich gefahren?«
»Ich bin nur der Meinung, der junge Mann sollte bald etwas Richtiges arbeiten und wollte ihn dabei lediglich unterstützen, mehr nicht.«
»Wie gemein du bist, was fällt dir ein!«
»Frieda, du vergreifst dich im Ton, hör auf damit!«
»Lass deine Maßregelungen, die sind nicht angebracht, ich bin kein kleines Kind mehr. Es ist unerhört, Papa, wie du Kurt behandelt hast. Du wolltest ihm nicht helfen, oh nein, du wolltest ihn erniedrigen, ihm zeigen, was du von ihm hältst! Etwas! Du findest etwas für ihn! Soll er der Portier sein, oder der Botenjunge in deiner Firma?« Frieda wurde lauter. »Es ist mir völlig egal, ob du mit ihm und seiner Art zu denken oder zu leben einverstanden bist, du hast dich damit abzufinden, dass wir unser Leben so leben, wie wir das für richtig halten!«
Sie hatte sich in Rage geredet und war sehr wütend auf ihren Vater.
»Mäßige dich, Frieda, dein Ton und deine Worte gefallen mir nicht!«
Auch Herr Hochhuth war nun so zornig auf seine Tochter wie noch nie in seinem Leben. Genau genommen war es zum ersten Mal. Er war aufgestanden, konnte es nicht ertragen, dass sie auf ihn herabredete wie auf einen ungezogenen Schüler.

Ende der Leseprobe zum biografischen Roman „Die Lana Frieda“

Anregende Lesestunden wünscht herzlichst
Edith Mair