Gestatten, mein Name ist Hamster – Klettermaxe

Hin und her und rauf und runter

Frauli öffnet die Käfigtür.
Na, da muss ich sofort ein paar Runden durch mein Revier drehen. Und danach gleich dieses eigenartige Gerüst neben Fraulis Sofa näher erkunden. Es erscheint mir sehr interessant.
Das Ding ist ein bissel verschnörkelt und verziert, hat ein großes Rad auf einer Seite und viele Stangen kreuz und quer, die ich zum Kraxeln gut verwenden kann. Frauli mag nicht, wenn ich darauf herumturne.
„Bleib weg von meiner alten Nähmaschine, Billie, sonst fällst du runter“, sagt sie.
Merkst du was? Sie nennt mich Billie, nicht mehr Billi. Frauliwesen hat endlich kapiert, dass ich ein Weibchen bin. Ihrem kleinen, schwarzen Kästchen – aua, meine Ohren – hat sie erzählt, dass sie sich noch einmal zu den Unterschieden erkundigt hat. Vor allem der runde Popo sei ein Kennzeichen für Weibchen – sag ich doch! Und Frauli hat von kurzem „I“ und langem „Ie“ im Namen gesprochen – das sagt mir nichts.
Und dass der Tierhändler gemeint hätte, wahrscheinlich ein Männchen. Ja, ja, der glaubt auch, dass Hamster gerne in Streichholzschachteln wohnen.
Von meinem Klettergerüst bin ich aber erst ein einziges Mal heruntergefallen. Das hat fast nicht oder nur ein kleines bisschen oder nicht sehr oder höchstens nur ganz kurz oder fast unmerklich weh getan. Kaum der Rede wert. Aua!
Gleich daneben ist etwas, das nennt Frauli „Heizung“. Dahinter kann ich an der Wand fein hochkraxeln, wenn ich mich mit dem Rücken fest gegen diese Heizung stemme. Aber nur ein Stückerl, dann rutsche ich wieder runter.
Mein Frauliwesen sagt zu mir: „Gut dass die Heizung nicht eingeschaltet ist, sonst würdest du dir deine Pfoten verbrennen.“
Meine Pfoten verbrennen? Das kann ich nicht gebrauchen! Ich muss auf der Hut sein, wenn ich diese „Heizung“ erkunde.
Eines Tages gelingt es mir, ich kann mich bis nach oben stemmen. Bin schon ein kräftiges Kerlchen, gell? Jetzt stehe ich auf diesem Heizungsdings und schaue mir mein Revier von oben an. Jö, so viel zu sehen! Und es geht tief runter. Da musst du aufpassen, Billie!
Ach, Frauli. Nicht wieder nehmen und auf den Boden setzen! Ja, eh, ich kann runterfallen, ich kann mir wehtun, bladibla, ja, Frauli, ich höre dir zu.
Bei einem der nächsten Male habe ich mehr Glück. Frauli ist so in ihr Buch vertieft, sie merkt nicht, dass ich wieder an der Heizung hochkraxle. So, kurz verschnaufen, puh! Mein Revier schaut von oben so anders aus. Ich laufe hier ein bisserl hin und her, wie fein! Aber das ist noch nicht alles.
Dreiviertel Hamsterlängen über der Heizung ist das Fensterbrett und darauf stehen einige große und kleine Blumentöpfe. Ich kann zwischen ihnen fein umher laufen, nachdem ich mich hinauf gehangelt habe. Die meisten Gewächse sind keine Blumen, sondern stachelige Dinger, da muss ich aufpassen, dass ich mit meinem Fell nicht an ihnen hängenbleibe.
Hier stehen auch drei Orchi… Orchi… ach, ich habe mir nicht gemerkt, wie Frauli die Pflanzen nennt. Egal, diese Orchidinger haben laaange Wurzeln, die seltsamerweise nicht in der Erde wachsen, sondern in der Luft! Und die schmecken nicht schlecht.
Sie sind aber angeblich nicht gesund für mich. Frauli hört es, wenn ich an ihnen knabbere, so vertieft kann sie in ihr Buch nicht sein. Sie behauptet, ich schmatze! Allerhand, Frauli, du solltest dir mal zuhören, wenn du deinen Besuch begrüßt!
„Nicht, Billie, hörst du sofort auf! Das ist sicher giftig für dich!“

Fang mich, Frauli!

Sie stürzt herbei und, ja, du kennst das, sie will mich nehmen und wieder auf den Boden setzen. Aber das gelingt ihr nicht sofort, hihi! Ich schlüpfe zwischen den kleinen Blumentöpfen durch und Frauli erwischt mich nicht. Sie muss genauso wie ich aufpassen, dass sie sich nicht an den stacheligen Pflanzen verletzt.
Hier bin ich, Frauli, hier! Nein, ätsch, dort! Da bin ich! Kuckuck! Und wieder danebengegriffen, da bin ich nicht mehr. Ha! Bis du die Blumentöpfe auseinander schiebst, bin ich schon längst am anderen Ende der Fensterbank.
Kurz darauf erwischt sie mich doch. Mein Frauliwesen nimmt mich (was denn sonst?) und hebt mich zum Boden hinunter.
Da steht eine weitere Pflanze. Sie blüht nicht, es ist ein Gewächs mit langen, dünnen Blättern. Leider kann ich es nicht näher untersuchen, weil der Topf zu hoch für mich ist. Ich komme nicht rauf, so sehr ich mich auch strecke und recke. Schade.
Nicht weit davon steht auf einem Tischerl noch ein Gewächs. Dessen dunkle Blätter hängen bis zu mir runter und, no na, knabbere ich daran. Frauli steht auf.
„Billie! Gehst du da sofort weg!“, ruft sie.
Mit ihrer Stimme könnte man die Gitterstäbe meines Käfigs durchsägen, so scharf ist sie. Ja, bin schon weg, keine Panik, Frauli. Ich laufe ein paar Schritte an der Wand entlang und schnuppere da und dort ein bisserl herum. Mein Frauli setzt sich wieder hin und ich pirsche mich noch einmal an diese Pflanze heran. So schnell gebe ich nicht auf!
Frauli passt das nicht! Sie stürzt zu mir her und, nein, nimmt mich nicht in ihre Hand, sondern hebt die Zweige der Pflanze hinauf aufs Tischerl, damit ich sie nicht erreiche. Mah, geh! Hier darf man aber auch gar nichts, das ist so gemein.
„Das ist alles nichts für dich, Billie, da wirst du krank“, sagt Frauli.
Tja. Das kann man glauben oder auch nicht. Dann hält sie mir wieder ein Karottidings vor meine Nase. Soll ich es wagen? Soll ich es aus Fraulis Vorderpfote nehmen?
„Na, los, Billie, trau dich, beiß rein ins Karotti! Wirst sehen, es schmeckt dir. Es ist besser als meine Blumen und gesünder!“
Hmm. Soll ich? Soll ich meinem Frauliwesen vertrauen? Oder führt sie etwas im Schilde? Weißt du was, Frauli, du legst dieses Karotti auf den Boden und ich hole es mir. Okay?
Frauli hält leider nichts davon. Sie setzt sich stattdessen auf den Boden. Ha! Da kann ich unter das schwarze Fell hinein krabbeln, das an ihren Hinterbeinen nicht festgewachsen ist. So rutsche ich nicht herunter. Frauliwesen nennt ihr Fell „Jogginghose“, hihi! Erinnerst du dich?
Weit komme ich nicht, nach zwei, drei Hamsterlängen ist Schluss. Frauli versperrt mir den Weg. Geh, Frauli, du Spaßbremse. Ich kraxle auf Fraulis Hinterbeinen herum, jetzt aber außerhalb ihres Fells. Rauf auf das eine Bein, runter, rauf auf das andere, hin und her. Das mag ich, das macht Spaß!
Frauli hat immer noch das Karotti in der Hand. Ich glaube, ich lasse es für diesmal. Ich möchte erst sicher sein, dass ich es gefahrlos fressen kann.
Ich hüpfe von Fraulis Beinen herunter, laufe um sie herum und versuche, auf ihren Rücken zu kraxeln. Sie lacht heftig und schüttelt sich.
„Billie! Deine Krallen kitzeln so!“
Halt still, Frauli! Wie soll ich denn da ordentlich klettern können? So, geschafft, ich sitze stolz auf ihrer Schulter. Am Kopf wächst meinem Frauli langes Fell, wie es bei den Menschenweibchen häufig vorkommt. Es reicht zu mir herunter.
Ich versuche, mich daran festzuhalten, um weiter hinauf klettern zu können. Bis nach oben auf Fraulis Kopf will ich.
Aber, du wirst es dir denken können, sie nimmt mich in ihre Vorderpfote, nein, in ihre Hand und hebt mich zum Boden hinunter. Habe ich schon mehr als elfundzwanzig Mal erwähnt, dass ich das nicht leiden kann?
Merk dir das endlich, Frauli, du sollst mich nicht anfassen. Komm, jetzt sagen wir es gemeinsam: Ich! Soll! Mein! Hamsti! Nicht! Anfassen! Ich! Tu! Es! Nie! Mehr!
Frauli macht nicht mit. Ärgerlich. Sie hält mir noch einmal das Karotti vor die Nase, aber jetzt fresse ich es schon gar nicht, ich bin beleidigt. Immer dieses Anfassen, so was!
Rasch unters Sofa gesaust und dort will ich ordentlich schmollen. Lange halte ich es nicht aus, der Hunger treibt mich in meinen Käfig. Tja.

Es ist meins!

Ein paar Tage später entdeckt Frauli leider mein neues, geheimes Vorratslager. Ich hab’s übertrieben. Damit ich nicht mehrmals laufen muss, mampfe ich den Inhalt des frisch gefüllten Futternapfes komplett in mich hinein. Ich stopfe mir die Backen so voll, wie es nur geht, flitze aus meinem Käfig raus und sause unters Sofa.
Frauli sieht meine vollen Backen und lacht mich aus. Sie ist bestimmt nur neidisch. Ich bin sicher, sie bringt ihr ganzes Essen nicht auf einmal in ihren Mund. Ich finde es großartig, wie viel Futter ich in meinen Backen mitnehmen kann. Und ohne dass es nass wird, kann ich Wasser trinken, hast du das gewusst? Das soll mein Frauliwesen nachmachen, wenn sie kann!
Ich laufe unterm Sofa zurück zur Wand. Ja, da ist ein geeignetes Versteck für meinen Vorrat! Ich gebe das Futter aus meinem Maul auf den Boden, forme einen netten Hügel, es muss ja alles seine Ordnung haben.
Jetzt begehe ich leider den schlimmen Fehler, zu rasch wieder mit leeren Backen unterm Sofa hervorzukommen.
Frauli sagt zu mir: „So schnell kannst du das nicht alles gefressen haben.“
Nein, hab ich nicht! Was hältst du von mir, Frauli? Ich bin ja kein Gierschlund! Es sollte für Notzeiten sein. Frauli legt sich am Boden auf den Bauch, schaut unter das Sofa, sieht meinen Vorrat und lacht schallend.
„Hahaha, ein ganzer Haufen!“
Ha. Ha. So witzig. ROFL. Rolling on se floor wis lafda. Leicht zu erheitern ist es schon, mein Frauliwesen. Ich verstehe nicht, was daran so lustig sein soll. Frauli isst mir meine Körner nicht weg. Das habe ich zunächst befürchtet.
Aber ab und zu kommt mir vor, als würde mein Vorrat verschwinden, ohne dass ich ihn gefressen habe. Da bin ich mir sicher, ein paar Körner und Mehlwürmer aufgehoben zu haben, und wenn ich nachschaue, ist mein Versteck leer! Wenn ich es nicht besser wüsste, müsste ich glauben, hier wäre ein weiterer Hamster. Rieche nirgends einen.
Das fehlte mir noch! Vielleicht sogar ein Männchen, brrr! Zu Wiegenliedern und Windeln steht mir nicht der Sinn. Bin noch zu jung.
Waren’s Zwitschi und Plärri, die zwei bunten Schreihälse? Wollten sie mal was Vernünftiges fressen? Aber außerhalb ihres Käfigs habe ich sie noch nie gesehen. Schauen mir von oben nur blöd beim Durchstreifen meines Reviers zu. Sie trippeln nervös von einem Bein aufs andere, wenn ich mich dem Wagerl nähere, auf dem ihr Käfig steht. Wahrscheinlich haben sie mal schlechte Erfahrungen mit Hamstern gemacht. Aber ich bin friedlich, keine Sorge.
Ich komme noch dahinter, wer sich an meinem Fressen vergreift. Der kann was erleben!

 

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