Gestatten, mein Name ist Hamster – Ausgebüchst

Die Sonne ist vor einiger Zeit untergegangen. Das Frauli-Wesen hat mein Revier verlassen und ich habe mir ein Schläfchen gegönnt, bin doch recht lange herum gesaust.
Ah! Ordentlich strecken! Jetzt genehmige ich mir ein gutes Fresschen und danach ist Radsport angesagt. Fein! Es geht nichts über ein schmackhaftes Frühstück.
Jö! Was ist das? Frauli hat das Türl am Käfig-Dach offengelassen. Wieso denn das? Hab ich heute Geburtstag oder was? Recken, strecken, bisschen noch, hochziehen, haxeln, bisschen noch, fest halten, strampeln, ich kann das …
So, geschafft, ich sitze am Dach meines Käfigs. Das war ganz schön anstrengend. Hopsti hüpf und runter. Sofort zur Wand gesaust und eine Runde durch mein Revier gedreht. Schau, da geht es raus, ja, was ist denn das? Ach, ich hab mein Frauli soo lieb!

Ich kann laufen wohin ich will!

Aha, gleich ums Eck stehen Kreischi und Blödi, die beiden nervigen Wellensittiche, auf ihrem Wägelchen. Ihr Käfig ist zugedeckt. So verbringen sie die Nächte. Soll ich sie ein bisschen schrecken? Nein, lieber nicht. Ich bin ja nicht bösartig. Dumme Wesen nerven mich halt. Aber sie können nichts dafür, dass sie nicht so schlau sind wie ich.
Wo wird denn mein Frauli sein? Na, besser ich laufe ihr nicht über den Weg, vielleicht war das mit der offenen Käfigtür gar keine Absicht.
Und wo geht es da hin? Jö! So viel Neues! Aha, da ist eine Höhle. Hmm. Der Eingang ist eng und hart. Ich mache mich platt, pffffffff, fest ausatmen, so komme ich durch. Jetz bin ich in einem langen Gang. Hier ist es dunkler als dunkel. Gut, dass mir das nichts ausmacht.
Aha, da ist etwas. Hmm. Fühle. Schnuppere. Was könnte das sein? Der Geruch des Dings sagt mir nichts. Hmm. Mal überlegen. Eine gerippte, dicke Schlange, die nach oben … Schlange?
S C H L A N G E!
Nichts wie weg! Asso? Sie folgt mir nicht. Höre nichts. Dieses Ding muss etwas anderes sein, das untersucht werden will. Also zurück.
Es ist keine Schlange, Billie. Langsam und vorsichtig nähern. Einatmen, ausatmen. Es ist keine Schlange, Billie. Ganz ruhig. Einatmen, ausatmen. Es ist keine Schlange, Billie.
Nein, eine Schlange ist es tatsächlich nicht. Was dann? Vielleicht etwas zu fressen? Bäh! Nein! Pfwläh, pfwläh! Wie werde ich den garstigen Geschmack auf meiner Zunge wieder los? Gut, dass ich nicht hinein gebissen habe. Sie ist recht hart, diese gerippte Schlange. Asso? Hochklettern kann ich an dem Ding. Na, ist es doch zu etwas gut.
Okay, was ist hier? Es ist weich, das könnte ich für mein Schlafhäuschen verwenden. Ich werde es in mundgerechte Stücke … bäh! Was ist das bloß? Es schmeckt genauso widerlich wie die Schlange. Aber wenn es der guten Sache dient? Dann mal frisch drauflos gemampft. Was auch immer das Ding hier ist.
Pfui, nein, aus, mehr geht nicht. Das muss reichen. Die Krümel werde ich am Rückweg mit in mein Schlafhäuschen nehmen.
Ich kraxle an der falschen Schlange ein bisschen weiter hoch. Oh, hiergefällt es mir! Keine Ahnung, worauf ich da stehe, es wärmt mir das Bauchi. Feiiin! Es ist ein bisschen rutschig, ich darf mich nur sachte bewegen und muss aufpassen, sonst geht es bergab mit mir.
Hier ist es total interessant, bin gespannt, was ich noch alles entdecke. Ich werde mal … nein, nicht!

Endstation

Uuupsi!

Wo bin ich denn jetzt? Wenigstens hatte mein Sturz eine weiche Landung. Was ist das alles hier?
Zerknülltes Küchenpapier vielleicht, oder etwas Ähnliches. Und härteres Papier, auch zerknüllt. Hmm. Es riecht scharf. Und noch vieles ist hier, das ich nicht zuordnen kann. Wo bin ich da bloß hingeraten? Ich will wieder weg!
Groß ist er nicht, der Raum in den ich hineingefallen bin. Er scheint rund zu sein, ich fühle keine Ecken. Und die Wand ist sehr, sehr glatt, da kann ich nicht hochkraxeln. Unmöglich.
Springen vielleicht? Hopsti hüpf! Hopsti hüpf! Nein. Keine Chance. Oh je, oh je, oh je, oh je, oh je! Frauli? Hallo! Frauli! Dein kleines Hamsti ist in Not!
Huhu! Ist hier jemand? Hört mich wer? Huston? Äh … Huston! Wir haben ein Problem! Wellensittiche, hört ihr mich? Hallo meine lieben Freunde! Hiiier bin ich! Wenn ihr bitte mal ordentlich loszetern möchtet, ich kann das ja nicht. Dafür gebe ich euch was von meinem Futter ab. Versprochen! Haaaallooooo!
Hmm … es schaut aus, als müsste ich warten, dass das Frauli-Wesen mich findet. Was mache ich bis dahin? Schlafen? Ja, schlafen. Eine andere Beschäftigung bietet sich nicht an. Es hilft hoffentlich auch gegen meinen leeren Bauch. Denn hier gibt es nichts zu fressen.
Ich muss darüber mal ein ernstes Gespräch mit meinem Frauli-Wesen führen, das geht nicht! Gut, Nachtruhe ist angesagt. Ptschpüühhh. Chrrrr. Ptschpüühhh. Chrrrr. Ptschpüühhh.

―――――

Ptsch… oh! Höre ich etwas? Ich glaube, Frauli kommt. Hilfe naht!
(„Oh, nein! Die Käfigtür ist offen!“)
Jaa, genau, Frauli. Hast du’s schon bemerkt?
(„Wo ist denn meine Billie?“)
Da bin ich, Frauli, dahaaa!
(„Schatzilein! Komm zu Frauli! Fressi, gutes Fressi!“)
Ja eh! Wenn ich könnte!
(„Nein, da auch nicht. Billie, wo bist du denn?“)
Hier, Frauli, hier! Das kann doch nicht so schwer sein! Streng dich an und such deinen kleinen Sonnenschein! Bitteee!
(„Ich höre was rascheln, woher kommt das denn?“)
Von mir, Frauli! Komm endlich, schön langsam verliere ich die Geduld mit dir!

Ende gut, alles gut

„Ah, da bist du! Im Mistkübel! Hahaha! Meine Billie ist im Mistkübel! Mein Hamsti, die Ausbrecherin!“
Ha. Ha. Sehr witzig. Erzähle es am besten deinem schwarzen Kästchen, dann habt ihr beide was zu lachen.
„Wie bist du denn da bloß hinein gekommen?“
Wenn du wüsstest, Frauli! Es ist eine lange Geschichte voller Irrtümer und falscher Hoffnungen.
„Ah geh, meine Matte für die Spüle hast angeknabbert! Muss das sein? Und die Brösel darf ich jetzt zusammen kehren. Hoffentlich hast nichts gefressen, das wäre nicht gut für dich.“
Nein. Nichts gefressen. Der Geschmack im Maul war ekelhaft genug.
„Eines sag ich dir, Billie, wenn du mir die Wasserschläuche des Geschirrspülers angebissen hast, kommst ins Gulasch!“
Nein! Hab ich nicht. Ehrlich! Mag nicht ins Gulasch, wo immer das ist.
„Wie bist du da bloß her gekommen, das Türl vom Kastl war ja zu? Ach so! Über das Lüftungsgitter bist rein gekommen, dann hinter der Blende unter den Küchenkasteln entlang gelaufen. Vermutlich bist du über den Wasserschlauch rauf und ins Kastl gekraxelt, es hat ja keine Rückwand. Nachdem du meine Matte angeknabbert hast, wirst am Wasserschlauch weiter auf den Boiler gekrabbelt sein. Und von da bist in den Mistkübel geplumpst. So muss es gewesen sein.“
Besser könnte ich es nicht erzählen, Frauli. Willst hier noch länger herum stehen, oder kommst du auf die Idee, mich rauszuholen? Nein! Von anfassen war nicht die Rede!
„So, Mädchen, jetzt geht’s zurück in deinen Käfig. Du wirst Hunger haben. Eine Schaumstoffmatte macht nicht satt.“
Ja! Hunger!
Fressi bitte, viel Fressi. Und danach ausgiebig schlafen.
 

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